Die Sprache der Pferde
Wenn Blicke mehr sagen als tausend Worte
Wer behauptet, Pferde könnten nicht sprechen, hat vermutlich noch nie längere Zeit mit einem Pferd zusammengelebt. Natürlich können sie keine Wörter bilden. Das müssen sie auch gar nicht. Pferde beherrschen eine Sprache, die oft deutlicher ist als jede menschliche Unterhaltung. Die Frage ist nur, ob wir Menschen auch richtig zuhören. Jedes Pferd hat seinen ganz eigenen Charakter und seine ganz persönliche Art, uns etwas mitzuteilen. Manche sind höflich, manche eher nachdrücklich – und manche verlieren irgendwann einfach die Geduld mit uns Menschen.
Meine mittlerweile elfjährige Stute ist jedenfalls Meisterin der nonverbalen Kommunikation. Vor allem dann, wenn sie der Meinung ist, dass ich wieder einmal etwas übersehen habe. Beim Ausreiten passiert es regelmäßig, dass sich eine Bremse auf ihrem Hals niederlässt. Zunächst versucht sie das Problem noch selbst zu lösen. Einmal kräftig mit der Mähne schütteln. Noch einmal. Vielleicht verschwindet dieses lästige Vieh ja endlich. – Tut es natürlich nicht.
Also bleibt sie wie angewurzelt stehen. Anschließend verbiegt sie ihren Hals in einem Ausmaß, bei dem ich mich jedes Mal frage, warum dieselbe Biegung unter dem Sattel manchmal so schwierig sein kann. Mit ihrem Blick scheint sie direkt auf die Bremse zu zeigen.
„Frauli… genau da! Kannst du sie bitte JETZT erledigen?“
Ich muss jedes Mal laut lachen. Ihre Botschaft ist so eindeutig, dass eigentlich nur noch Untertitel fehlen.

Pferde sprechen mit uns – wir müssen nur zuhören.
Auch in meinem Beruf begegnen mir immer wieder Pferde, die erstaunlich kreativ darin sind, ihren Menschen etwas mitzuteilen.
Eines meiner persönlichen Highlights war ein Pferd, das sich beim Gurten regelmäßig einfach umfallen ließ. Und zwar nicht ein bisschen in die Knie gehen oder den Bauch aufblasen. Nein – es legte sich tatsächlich komplett auf den Boden. Während ich noch überlegte, ob ich lachen oder lieber den Tierarzt rufen sollte, meinte die Besitzerin völlig entspannt:
„Ach, das macht er immer.“
Immer.- Für sie gehörte das offenbar ganz selbstverständlich zum Sattelritual. Die Lösung war am Ende überraschend einfach. Wir tauschten den Sattelgurt gegen ein anderes Material aus – und plötzlich blieb das Pferd ganz normal stehen.
Da musste ich unweigerlich schmunzeln. Vermutlich hatte dieses Pferd jahrelang versucht, seinem Menschen höflich mitzuteilen, dass ihm der Gurt unangenehm war. Als niemand zuhörte, wurde die Kommunikation eben etwas … deutlicher.
Pferde sprechen aber nicht nur mit uns Menschen. Sie kommunizieren mit allem, was ihnen im Alltag begegnet.
Das beste Beispiel dafür ist meine Hündin. Als sie noch jung war, hatte sie die ausgesprochen freche Angewohnheit, die Futterschüssel meiner Stute auszuschlecken – manchmal sogar, während diese noch beim Fressen war. Dass das keine besonders gute Idee war, sah meine Stute naturgemäß etwas anders.
Zuerst wurden die Ohren angelegt. – Keine Reaktion. Dann wurde mit dem Vorderbein aufgestampft.- Immer noch keine Reaktion.
Erst als ein deutlicher Schnapper in die Luft folgte, entschied meine Hündin, dass es vielleicht doch klüger wäre, den Rückzug anzutreten. Ich dachte damals noch, sie hätte nur den Schnapper verstanden. Heute weiß ich es besser.
Mittlerweile reicht oft schon ein kurzer Blick meiner Stute oder ein leicht angelegtes Ohr – und meine Hündin macht freiwillig Platz. Beim Ausreiten funktioniert das mittlerweile so selbstverständlich, dass ich es oft gar nicht mehr bemerke. Offenbar spricht sie inzwischen fließend Pferd.
Und genau das fasziniert mich immer wieder. Pferde kommunizieren ununterbrochen. Mit ihrer Körpersprache, ihrer Mimik, ihren Bewegungen und ihrem Verhalten. Sie sagen uns jeden Tag, wie sie sich fühlen, was sie mögen und was eben nicht. Wir Menschen wünschen uns oft, dass unsere Pferde sprechen könnten. Vielleicht tun sie das längst, wir müssen nur lernen, ihnen besser zuzuhören.
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Autorin: Sophie Grüneis