Interview mit Jessica Hiermaier: Ganzheitliche Pferdephysiotherapie
Im Gespräch mit Jessica Hiermaier, ausgebildeter Pferdephysiotherapeutin, geht es um die Gesundheit und Beweglichkeit unserer Pferde – und vor allem darum, Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen. Sie erklärt, welche feinen Anzeichen auf muskuläre Probleme, Verspannungen oder Bewegungseinschränkungen hindeuten können und warum Pferde Beschwerden häufig lange kompensieren, bevor eine deutliche Lahmheit sichtbar wird. Dabei steht für sie die ganzheitliche Betrachtung des Pferdes im Mittelpunkt: von Bewegung und Muskulatur über Verhalten und Wohlbefinden bis hin zu einem achtsamen Umgang im Alltag.
Viele Pferdebesitzer achten auf Lahmheiten. Welche frühen Anzeichen für muskuläre Probleme oder Bewegungseinschränkungen werden deiner Erfahrung nach am häufigsten übersehen?
Pferde als Fluchttier sind Meister der Kompensation und evolutionär darauf angewiesen möglichst lange bewegungsfähig zu sein. Deshalb treten deutliche Lahmheiten häufig erst dann auf, wenn der Körper bestehende Beschwerden nicht mehr ausreichend kompensieren kann. Im Vorfeld von sichtbaren Lahmheiten zeigen sich meist schon feine Signale: verkürzte Trittlänge, Stellungs- und Biegungsprobleme bzw. generelle Rittigkeitsprobleme, vermehrtes Stolpern, Veränderungen in der Muskulatur, Empfindlichkeiten beim Putzen oder Satteln und vieles mehr.
Ein ernst zu nehmendes Warnzeichen ist meiner Meinung nach vor allem auch eine mangelnde Bewegungs- und Lebensfreude sowie Wesensveränderungen – hier dürfen wir im Alltag sehr achtsam sein und das Ausdrucks- und Bewegungsverhalten unserer Pferde aufmerksam beobachten.
Wie erkenne ich als Pferdebesitzer, ob mein Pferd tatsächlich losgelassen und beweglich ist oder lediglich „funktioniert“ und Verspannungen kompensiert?
Losgelassenheit entsteht aus einem Zusammenspiel von körperlichem und psychischem bzw. emotionalem Wohlbefinden. Bewegung kann äußerlich funktionieren, aber für echte Losgelassenheit dürfen wir den Zustand des Pferds ganzheitlich betrachten. Ein Pferd, welches sich sicher fühlt, dessen Bedürfnisse berücksichtigt werden und welches in einem vertrauensvollen Umfeld leben und arbeiten kann, ist auch in der Lage sich losgelassen zu bewegen.
Unsicherheit, Stress, Schmerzen oder Bedingungen, die nicht dem Wesen des Pferds entsprechen, können zu innerer Anspannung führen, welche sich zwangsläufig auch auf die Bewegung auswirkt. Ein wirklich losgelassenes Pferd erkennen wir an einer natürlichen Elastizität und Geschmeidigkeit in der Bewegung, an seiner Bewegungsfreude, Aufmerksamkeit und seinem Ausdruck. Die Bewegung fließt ungehindert durch den gesamten Körper, der Rücken schwingt und die Muskulatur arbeitet möglichst frei und harmonisch.
Welche Auswirkungen haben Schmerzen, Verspannungen oder Bewegungseinschränkungen auf das Verhalten und das Training eines Pferds?
Schmerzen, Verspannungen oder Bewegungseinschränkungen wirken sich niemals nur lokal auf einzelne betroffene Strukturen aus. Der Körper des Pferds ist ein komplexes Netzwerk und Bewegungsapparat, Atmung, Lymphsystem, Organe und Nervensystem stehen immer in enger Wechselwirkung zueinander. So können sich Schmerzen zum Beispiel auf die Qualität der Atmung und Sauerstoffversorgung im Körper auswirken.
Verspannte Muskulatur ist in ihrer Funktion eingeschränkt, was nicht nur die Bewegungsqualität einschränkt, sondern dazu führt, dass Kompensationsmuster weiter verstärkt werden und Muskulatur nicht effektiv angesteuert und trainiert werden kann.
Bewegungseinschränkungen können sich negativ auf das Lymphsystem, die Organe und den Stoffwechsel auswirken. Ein dauerhaft dominanter Sympatikus führt dazu, dass Konzentration, Koordination und Lernfähigkeit massiv beeinträchtigt werden.
Welche Bereiche des Pferdekörpers sollte jeder Besitzer regelmäßig kontrollieren und ertasten, um Veränderungen frühzeitig zu erkennen? Worauf sollte man dabei achten?
Die Gesundheitsvorsorge beginnt für mich schon beim achtsamen Umgang im Alltag mit dem Pferd. Wenn wir uns Zeit nehmen, unsere Pferde aufmerksam zu beobachten, können wir Veränderung in Verhalten, Bewegung oder äußerem Erscheinungsbild frühzeitig wahrnehmen und entsprechend handeln. Außerdem empfehle ich jedem Pferdebesitzer, bewussten Kontakt mit den Händen zum Körper des Pferds aufzunehmen. Beim regelmäßigen aufmerksamen Abtasten oder Streichen des gesamten Körpers können wir auf Veränderungen in der Muskulatur, Wärmeunterschiede, Berührungsempfindlichkeiten oder gar Verletzungen erkennen.
Hierbei geht es nicht darum, selbstständig Diagnosen zu stellen, sondern ein Gefühl für den Körper des Pferds und seine feinen Signale zu entwickeln. Besonderes Augenmerk würde ich hier auf den Rücken, den Genickbereich, den Schultergürtel, den Beckenbereich aber auch auf die Gliedmaße legen und grundsätzlich Auffälligkeiten und Veränderungen – sowohl körperlich als auch psychoemotionaler Natur – bewusst wahrnehmen und als wertvolle Information verstehen.

Das Abtasten des Körpers kann Veränderungen der Muskulatur, Wärmeunterschiede oder Berührungsempfindlichkeiten aufzeigen.
Wann ist der richtige Zeitpunkt, einen Physiotherapeuten hinzuzuziehen? Welche Anzeichen sollten Pferdebesitzer nicht ignorieren, auch wenn das Pferd noch nicht lahmt?
Meiner Meinung nach ist Prävention der Schlüssel zu langfristiger Bewegungsfreude und Gesundheit, das heißt es ist durchaus sinnvoll mit Physiotherapeuten, Gesundheitstrainern etc. zusammen zu arbeiten, noch bevor überhaupt Probleme in Sicht sind. Regelmäßige physiotherapeutische Einheiten können helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen und Kompensationsmuster zu lösen, bevor weitere Läsionen oder ernsthafte Schäden entstehen. Aber natürlich gibt es auch typische Anzeichen, bei denen es ratsam wäre, sich Unterstützung zu suchen*.
Hierzu gehören beispielsweise Veränderungen im Bewegungsablauf oder Veränderungen der Muskulatur, Schwierigkeiten beim Satteln, Rittigkeitsprobleme, vermehrtes Stolpern oder verkürzte Trittlänge. Anzeichen wie Widersetzlichkeit, Steigen, Bocken oder Wesenveränderungen sind schon etwas deutlicher und sollten unbedingt ernst genommen und hinterfragt werden. Wir können nicht jedes Problem verhindern, aber durch Achtsamkeit im Umgang mit unseren Pferden können wir eine wichtige Voraussetzung für langfristige Bewegungsfreude und Gesundheit schaffen.
*Anmerkung: auch von einem Tierarzt.
Was möchtest du der Reiterwelt für einen Tipp an die Hand geben?
Mir liegt sehr am Herzen, dass wir Pferde nicht als Sportgeräte oder reine Reittiere betrachten, sondern als sensible und sanftmütige Tiere, die im Alltag viel für uns tragen und uns Vertrauen entgegenbringen, welches wir nicht ausnutzen sollten. Wir als Mensch tragen die Verantwortung, den Bedürfnissen unserer Pferde gerecht zu werden und dürfen es als Privileg sehen, solch besondere Begleiter in unserem Leben zu haben. Dazu gehört auch die Arbeit an uns selbst, durch ehrliches Hinsehen, Aufrichtigkeit und die Fähigkeit der Selbstregulation.
Wirkliche Verbindung, feines Reiten und langfristige Freude entstehen, wenn wir unseren Pferden mit Respekt begegnen, bereit sind, gemeinsam zu lernen, zu wachsen und Empathie und Achtsamkeit im Alltag entwickeln. Vielleicht dürfen wir uns immer wieder an die Begeisterung und Liebe erinnern, die wir für diese Tiere empfinden und die die tragende Kraft in der gemeinsamen Zeit sein sollte.
Wer sein Pferd aufmerksam beobachtet, Veränderungen ernst nimmt und auf eine ganzheitliche Gesundheitsvorsorge setzt, schafft die besten Voraussetzungen dafür, dass es langfristig beweglich, gesund und mit Freude an seiner Seite bleibt.
Weitere Informationen zu Jessica Hiermaier finden Sie auf ihrer Webseite oder ihrem Instagram-Kanal @ganzheitliche_pferdetherapie.