Weltbodentag: Bodenverbrauch gefährdet nachhaltig die Zukunft Österreichs

Arbeitsplätze, Umwelt und Landwirtschaft sind die größten Verlierer – Bischof Alois Schwarz und Christine Haiden neue Botschafter für den Erhalt unserer Böden

 

Einen dringenden Appell nach einer Korrektur der Bodenpolitik richten Vertreter von Kirche, Wissen­schaft, Medien und Wirtschaft an die Verantwortlichen in Bund, Ländern und Ge­meinden: „Es wird in Österreich noch immer zu viel an Fläche täglich neu verbaut. Wir liegen um das Fünffache über dem Ziel der Nachhaltigkeitsstrategie aus dem Jahr 2002, erneuert im Masterplan für den ländlichen Raum. Dieser ist Bestand­teil des jetzigen Regierungsübereinkommens und legt den Zielwert für den Bo­denverbrauch mit 2,5 Hektar pro Tag fest. Wir gefährden mit der Entwicklung die Zukunft Österreichs!“, erklären Dr. Alois Schwarz, Diözesanbischof von St. Pölten, Dr. Christine Haiden, Chefredakteurin der Zeitschrift „Welt der Frauen“, Univ. Prof. DDr. Friedrich Schneider, Johannes Kepler Universität Linz und Gesellschaft für Angewandte Wirtschaftsforschung, und Dr. Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzen­der Österreichische Hagelversicherung. Im gemeinsamen Appell heißt es weiter: „Der Boden ist eine unentbehrliche Lebensgrundlage. Der gegenwärtige tägliche Bodenverbrauch von 12,4 Hektar, oder umgerechnet rund 20 Fußballfelder, ist ein gigantisches Umweltproblem. Wir fordern eine Korrektur der Bodenpolitik, eine Reform der Raumordnung unter Einhaltung des Zielwertes in der Größenordnung von 2,5 Hektar pro Tag.“

Weinberger: Die mehr als 40.000 Hektar leerstehender Immobilien müssen revi­talisiert werden

In den letzten 10 Jahren wurden rund 20 Hektar Äcker und Wiesen (entspricht 30 Fußballfeldern) zubetoniert. Und das jeden Tag! Kein zweites Land in Europa geht so verantwortungslos mit der Verbauung unserer Böden um. Österreich ist hier Rekordhalter. Hält diese Entwicklung an, stehen in 200 Jahren keine nutzbaren Agrarböden mehr zur Verfügung. Dabei ist der Boden das wertvollste Gut. Doch Grünland und Ackerböden – meist verbal zu „Flächen“ herabgestuft – schrumpfen weiter dramatisch.

  • Mit immer weniger Boden ist unsere Versorgung mit heimischen Lebensmitteln zunehmend gefährdet.
  • Mit immer weniger Boden riskieren wir die rund 000 Arbeitsplätze entlang der agrari­schen Wertschöpfungskette.
  • Mit immer weniger Boden verlieren wir weiter die Schönheit der Natur Österreichs.
  • Mit immer weniger Boden wird am Ende auch der Tourismus 4 von 5 Österreichern sehen die Landschaft als zunehmend verschandelt an.
  • Mit immer weniger Boden kommt es zu einem weiteren Verlust der Artenvielfalt. So hat Ös­terreich in den letzten Jahrzehnten bereits 70 Prozent seiner Wirbeltierbestände eingebüßt.

Der Bodenverbrauch hat auch unmittelbare Auswirkungen auf den Wasserhaus­halt: Regenwasser kann weniger gut versickern, sodass die Grundwasservorräte nicht aufgefüllt werden und Überschwemmungen zunehmen. Auch das Klima wird durch den Wegfall des Bodens als CO₂-Speicher negativ beeinflusst: Durch verbau­te Böden kann kein Wasser verdunsten, weshalb sie im Sommer nicht zur Kühlung der Luft beitragen. Hinzu kommt, dass sich vermehrt CO₂ in der Atmosphäre befin­det, Dürreperioden wie im heurigen Jahr nehmen zu. All das ist ein nicht gehörter Hilfeschrei der Natur: Stoppt diese Zerstörung der Umwelt! Auf der anderen Seite haben wir einen Leerstand in Österreich in der Größenord­nung der Stadt Wien. Landauf, landab werden aber neue riesige Industriehallen und Gebäude – meist ohne jede vorhandene Infrastruktur (Kanalisation, Straßen) – sowohl in Städten, aber auch auf dem Land errichtet.

Diese oft überdimensionierten Bauwerke zerstören die ländlich gewachsenen Strukturen und sind ein Schandfleck für die Landschaft. „Die Revitalisierung der mehr als 40.000 Hektar leerstehenden Immobilien ist das Gebot der Stunde. Als Finanzmanager, der aus der Wirtschaft kommt und ständig mit den zunehmen­den Naturkatastrophen konfrontiert ist, habe ich keine Berührungsängste mit dem Wort ‚Nachhaltigkeit‘. Im Gegenteil: Ökologische, ökonomische und soziale Interessen ergänzen sich – vernünftig eingesetzt – miteinander. Die Natur braucht uns nicht, wir aber brauchen die Natur. Andernfalls werden uns unsere Enkel und Urenkel später im doppelten Sinn sagen: Warum habt ihr uns damals unsere Zu­kunft verbaut?“, bringt es Weinberger auf den Punkt.

Schneider: Bodenversiegelung kostet Arbeitsplätze – nicht nur in der Landwirt­schaft

Die im Jahr 2017 verbaute landwirtschaftliche Fläche pro Tag entspricht einer Grö­ße von rund 248 Einfamilienhäusern. Aus einer national-ökonomischen Perspektive ist der Bodenverbrauch in Österreich dabei vor allem aus zwei Gründen äußerst negativ zu beurteilen:

Erstens reduziert die Bodenversiegelung die landwirtschaftlich nutzbare Fläche und damit einhergehend kommt es für immer zu einem Verlust von Wertschöp­fung und Beschäftigung – und das nicht nur in der Landwirtschaft. Denn durch die wirtschaftliche Verflechtung der Landwirtschaft mit den anderen Wirtschaftssek­toren diffundieren die Verluste in die gesamte Wirtschaft. „So summieren sich in nur zehn Jahren die Verluste an Wertschöpfung auf 216,0 Millionen Euro. Weiters gehen in Summe 14.920 Vollzeitarbeitsplätze bzw. knapp 20.000 Arbeitsplätze verloren. Davon verlieren alleine in der Landwirtschaft rund 9.000 Personen ihren nachhaltigen Job“, so die Studienautoren Schneider und Mag. Stefan Jenewein. Zweitens macht die Bodenversiegelung Hochwasserschutzmaßnahmen notwendig: Naturkatastrophen, wie Hochwasserereignisse, sind mit größeren Folgeschäden verbunden, da verbaute Böden kein Wasser aufnehmen können. Das bedeutet, dass ein Teil der Ausgaben für Hochwasserschutzmaßnahmen auf die Bodenver­siegelung zurückzuführen ist. Ohne Bodenversiegelung müssten also weniger Mittel für Hochwasserschutzmaßnahmen aufgebracht werden. Stattdessen könn­ten diese Mittel alternativ für stimulierende und langfristig wachstumssichernde Maßnahmen, wie etwa Investitionen in Infrastruktur oder Bildung, aber insbeson­dere auch in monetäre Anreizsysteme für die Revitalisierung der mehr als 40.000 Hektar leerstehender Gewerbe-, Industrie- und Wohnimmobilien genutzt werden. Von Schneider und Jenewein in Zahlen ausgedrückt: „Werden diese Mittel ander­weitig eingesetzt, so sind damit positive Effekte auf die Wertschöpfung in Höhe von jährlich bis zu 83,7 Millionen Euro verbunden. Darüber hinaus können dabei Jahr für Jahr bis zu 1.125 Jobs gesichert werden.“

Schwarz: „Umweltbischof“ für ökologische Steuerreform

Eine ökologische Steuerreform und eine konsequente Umsetzung der Klima- und Energiestrategie sind aus Sicht von Österreichs „Umweltbischof“ vordringliche Aufgaben. Generell ist der ungezügelte Verbrauch mit Blick auf einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen einzudämmen. Um nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Umwelt zu hinterlassen, muss es angemessene Anreize geben, den Ressourcenverbrauch zu begrenzen. „Die Generationengerechtigkeit ist derzeit nicht gegeben, zumindest nicht in den Bilanzen“, so Schwarz. Ein großer Höhepunkt der zahlreichen Verlautbarungen der Kirche zu Fortschritt und Entwicklung, Schöpfung und Nachhaltigkeit seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil war das vor zwei Jahren veröffentlichte Papstschreiben „Laudato si“. Im Gefolge der „Umweltenzyklika“ beschloss die Österreichische Bischofskonferenz ambitionierte Ziele im kirchlichen Bereich zu den Themen Nachhaltigkeit, Energie­wende und ökosoziale Beschaffungsordnung. Diese werden nun Schritt für Schritt in den Diözesen umgesetzt. „Grundsätzlich gilt: Schöpfungsverantwortung ist eine Programmatik, ein Auftrag. Es ist auch mit einem Perspektivenwechsel verbunden: Optimierung statt Maximierung, Effizienz statt Wachstum, Generationengerechtig­keit statt kurzfristigem Erfolg“, skizziert Schwarz das Papstschreiben.

Bestehende Steuervorteile für den Flug- und Schiffsverkehr sollten nach Ansicht von Schwarz national und international abgeschafft werden. „Flugverkehr und Schiffstransport verursachen viel Schaden, und sie sollen reduziert bzw. nach öko­logischen Gesichtspunkten umgestaltet werden. Kostenwahrheit durch Abschaf­fung der steuerlichen Begünstigungen würde viel Klarheit bringen“, führt Schwarz seinen Blickwinkel aus, und spricht auch von einer ökologischen Steuerreform: „Niedrige Preise von Rohstoffen und Energie im Allgemeinen untergraben Ener­gieeinspar- und Effizienzbemühungen und begünstigen umweltschädliches Ver­halten. Eine Ökologisierung des österreichischen Steuersystems ist ein zentrales Instrument, um diesen Trends entgegenzuwirken“. So können etwa durch höhere Besteuerung von fossilen Rohstoffen Energiesparmaßnahmen und der Umstieg auf erneuerbare Energieträger attraktiviert werden, so Schwarz, gleichzeitig könnte eine Verringerung der Steuern auf Arbeit ebenfalls für mehr Ausgleich sorgen. „Verantwortung für unseren Lebensgrund, unsere Erde, unseren Boden muss eine Querschnittmaterie durch alle Politikbereiche, durch unser aller Leben und Alltag werden. Als Umweltbischof betone ich immer, dass Fortschritt und Technik sich nicht gegen den Menschen wenden dürfen. Bodenverschwendung ist Schöp­fungsraub, hier gilt es, den zunehmenden Platzbedarf einer konsumierenden Welt kritisch im Auge zu behalten“, so Schwarz mit Blick auf das Thema der Pressekon­ferenz.

Haiden: Wann ist Schluss mit immer mehr?

Der immense, unkontrollierte Bodenverbrauch widerspiegelt unseren verantwor­tungslosen Umgang mit unseren Ressourcen. An den Rändern vieler Orte machen sich auf bestem Ackerland Supermärkte mit überdimensionierten Parkflächen breit, während die Ortskerne zunehmend veröden. Betriebsareale und Sportstät­ten werden ebenfalls auf die grüne Wiese gesetzt. Ein konkretes Beispiel ist der Mühlviertler Ort Hellmonsödt: Eine Nordic Arena ist geplant, ein ganzjährig be­triebenes Langlauf- und Biathlonzentrum. Auf nicht einmal 800 Meter Seehöhe müssen die Schneekanonen gleich mit inventarisiert werden. Fast zehn Hektar Ackerland, davon drei Hektar Wald, sollen umgewidmet und verbaut werden. Man will die Linzer anlocken. Noch führen nur schmale Güterwege und praktisch keine öffentlichen Verkehrsmittel zum Ort, wo die Brettln angeschnallt werden (sollen). Das verbindet die Nordic Arena mit dem geplanten LASK-Stadion am Pichlinger See. Dort will man 11Hektar Grünland für die Fußballfans zubetonieren. Argu­mente gibt es viele: Förderung des Sports, Tourismus, Aushängeschild für was auch immer. Ja, und natürlich: Arbeitsplätze! In der Nähe von Grieskirchen hat ein Unternehmen 16 Hektar Grünland für das eigene Wachstum im Visier, in Leonding stehen 30 Hektar Grünland für Firmen und Wohngebäude zur Diskussion. Für alles gibt es gute Argumente. Nur das wichtigste zieht im Einzelfall nicht: Wann ist es genug mit dem Verbauen des Landes? Fruchtbares Land wird für immer versiegelt. Der Individualverkehr, der das Klima schädigt, intensiviert. Die auf den ersten Blick für einzelne Unternehmen billigsten Lösungen werden von der öffentlichen Hand ermöglicht. Die Folgekosten werden nicht berücksichtigt. Kurzfristig zu erzielen­de Steuereinnahmen zählen mehr. Das Gemeinwohl wird so nachhaltig belastet. Es scheint niemand zu geben, der das übergeordnete Interesse Österreichs und seiner Menschen vertritt.

„Wir sind aber nicht nur uns selbst, sondern auch den nächsten Generationen verpflichtet und der Schöpfung an sich. Deswegen muss man klar sagen, was die­ser Umgang mit Bodenverbrauch bedeutet: Die Vernichtung unser aller Lebens­grundlage, aber insbesondere jener der nächsten Generationen, unserer Kinder und Kindeskinder. Nicht nur weil verfügbares, fruchtbares Ackerland immer noch weniger wird, sondern weil die daraus folgenden Schäden für Klima, Umwelt und soziale Struktur ruinös sind. Zu fordern sind nachhaltige Entwicklungskonzepte in der Raumordnung, die Bodenverbrauch, Klima, Verkehr und soziale Infrastruk­tur verflechten, klare Verpflichtung von bodenverbrauchenden Unternehmen und Organisationen zu effizienter Nutzung und allfälligen Kompensationen, sowie eine „Anwaltschaft des Bodens“ in Umwidmungsverfahren“, fasst Haiden die Auswir­kungen und mögliche Lösungsansätze zusammen.

Univ. Prof. DDr. Friedrich Schneider, Diözesanbischof Dr. Alois Schwarz, Dr. Kurt Weinberger, Dr. Christine Haiden, Mag. Stefan Jenewein

Wann ist das Ende der guten Gründe erreicht?

Wenn es für jeden Hektar Verbauung gute Gründe gibt, wann ist dann das Ende der guten Gründe erreicht? Wahrscheinlich erst, wenn alles verbaut ist. Wie und wohin wachsen wir anschließend? Und wo kommt dann unser Essen her und wie schaut es aus? Kommt es aus 10.000 Kilometer Entfernung, ist es gentechnisch verän­dert und wieder auf Kosten des Regenwaldes produziert? Faktum ist: Ackerland und Grünflächen sind, einmal versiegelt, für immer tot. „Bei der gegenwärtigen Situation hängt ein Damoklesschwert über unserer autonomen Grundversorgung. Jede Bürgerin und jeder Bürger ist nämlich der erste und größte Verlierer beim Bodenverbrauch. Der Masterplan für den ländlichen Raum, aufgenommen in das Programm der Österreichischen Bundesregierung, ist ein Gebot der Stunde. Intelligente Volkswirtschaften setzen sowohl auf Ökologie als auch auf Ökonomie. Wir müssen daher in unserem täglichen Tun und Handeln uns stets die Worte von Papst Franziskus in seiner Umweltenzyklika ‚Laudato si‘ vor Augen halten: ‚Welche Art von Welt wollen wir denen überlassen, die nach uns kommen, den Kindern die gerade aufwachsen‘“, so die Podiumsteilnehmer abschließend.

Univ. Prof. DDr. Friedrich Schneider, Diözesanbischof Dr. Alois Schwarz, Dr. Kurt Weinberger, Dr. Christine Haiden, Mag. Stefan Jenewein